Kommunalwahl

#Kommunalwahl. Meine Stimme
Ich möchte wählen. Und ich möchte nicht einfach nur ein Kreuz irgendwo setzen. Ich möchte sagen, was mir wichtig ist. Es fällt mir schwer, hinzunehmen, was um mich herum geschieht.
Alte Bäume verschwinden.
Wälder werden ausgeräumt.
Schwere Maschinen zerfurchen Böden und zerstören Lebensräume.
Wo vorher jahrzehntelang gewachsenes Leben war, bleiben kahle Flächen.
Wir sehen es. Wir gehen daran vorbei. Irgendwann sehen wir es vielleicht nicht mehr. Vielleicht ist genau das unser größtes Problem: dass wir uns an die Zerstörung gewöhnt haben, dass es uns nicht mehr berührt.
Immer wieder sehe ich alte Bäume, die schwinden, einfach so. Bäume, die Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte an einem Ort gestanden haben. Und dann sind sie plötzlich weg. Besonders im Januar beginnt hier das große Sägen.
Warum? – Weil es so üblich ist? – Weil es wirtschaftlich sinnvoll ist? – Weil ein Baum irgendwann „zu groß“ geworden ist? – Weil er im Weg steht? – weil er Laub abwirft? – Weil er eine Gefahr darstellt?
Und dann wird vielleicht ein kleiner Baum gepflanzt. Als Ersatz. Als Ausgleich. Als wäre damit alles wieder gut. Aber das ist es nicht. Ein hundertjähriger Baum ist nicht durch einen kleinen Baum ersetzt. Das können wir uns noch so oft erzählen. Ein junger Baum ist ein junger Baum. Ein alter Baum ist ein Lebensraum. Er hat Jahrzehnte gebraucht, um seine Krone auszubilden. Sein Wurzelwerk auszubreiten. Seine Beziehungen aufzubauen.In ihm und um ihn herum haben unzählige Lebewesen ihren Platz gefunden. Er spendet Schatten. Er kühlt. Er hält Wasser. Er schützt den Boden. Er bindet Kohlenstoff. Er ist Teil eines Systems, das wir niemals vollständig erfassen können. Und dann kommt die Motorsäge. – Und wir sagen: Wir pflanzen ja nach. Nein. Wir pflanzen nicht hundert Jahre nach. Dazu sind wir schlicht nicht fähig. Wir pflanzen einen kleinen Baum. Die hundert Jahre sind weg. Und wir sägen nicht nur Bäume ab. Baumschutz darf für mich nicht erst bei der Fällung beginnen. Auch massive Sägearbeiten, radikale Kroneneinkürzungen, Eingriffe in den Wurzelraum oder verdichtete Böden können einen Baum so schwer schädigen, dass er langfristig stirbt. Wir sehen einen Stamm und eine Krone. Manche sehen Holz. Aber unter unseren Füßen befindet sich ein riesiges, lebendiges System. Der Baum ist nicht nur das, was wir sehen. Krone. Stamm. Wurzeln. Boden. Alles gehört zusammen.
Und vielleicht müssten wir endlich wieder lernen, einen Baum nicht als Gegenstand zu betrachten. Sondern als Lebewesen. Wald ist mehr als Holz
Ich habe selbst erlebt, wie ein Wald durch forstwirtschaftliche Nutzung sein Gesicht verlieren kann. Endlose Reihen gefällter Bäume. Auch alte Laubbäume. Aufgerissene Wege. Verdichtete Böden. Schwere Maschinen. Und vielleicht steht Mensch irgendwann inmitten und fragt sich:
Wo ist der Wald geblieben? Wo sind die Tiere? Wo sind die Höhlen? Wo sind die kleinen Lebewesen im Boden? Was ist mit den Salamandern?Mit den Insekten? Mit den Pilzen? Mit den Vögeln? Was passiert mit all dem Leben, das wir nicht sehen?
Wald ist LEBENSRAUM.
Dieser Satz ist für mich inzwischen viel mehr als eine schöne Formulierung. Er ist eine Notwendigkeit. Denn wir müssen anfangen, Natur nicht mehr ausschließlich danach zu beurteilen, was sie für uns leisten oder abwerfen kann. Sie gehört uns nicht
Ja, gibt es Eigentumsrechte. Ja, es gibt Gesetze.
Aber ich stelle eine Eine viel grundsätzlichere Frage: Wem gehört eigentlich die Natur? Wem gehört der Baum, der hundert Jahre vor uns da war? Wem gehört der Boden? Wem gehört das Wasser? Wem gehören die Tiere? Wem die Stille?
Wer hat uns eigentlich das Recht gegeben, über all das nach Belieben zu verfügen? Wir haben die Bäume nicht erschaffen. Wir haben die Wälder nicht erfunden. Wir haben den Boden nicht gemacht. Wir haben das Wasser nicht gemacht. Wir haben die Kreisläufe des Lebens nicht geschaffen. – Und verstanden haben wir sie auch nicht.
Und trotzdem benehmen wir uns, als würde uns das alles gehören. Vielleicht liegt genau hier ein grundlegender Denkfehler. Natur ist nicht unser Besitz. Sie ist die Grundlage unseres eigenen Lebens. Deshalb darf ihr Schutz nicht davon abhängen, wem eine Fläche gehört oder wie viel Geld sich mit ihr verdienen lässt.
Ich postuliere Schutzräume. Wirkliche, echte, absolut und vollständige Schutzräume.
Und damit meine ich nicht ein bisschen weniger Nutzung. Ich meine: Gar keine Bewirtschaftung. Keine Optimierung. Keine wirtschaftliche Nutzung. Keine Eingriffe, weil uns etwas nicht gefällt. Keine ständige Kontrolle darüber, was dort wachsen, sterben oder sich verändern darf.
Ich wünsche mir Flächen, aus denen wir uns vollständig zurückziehen. Nicht für fünf Jahre. Nicht als hübsches Naturschutzprojekt, das anschließend wieder regelmäßig „gepflegt“ und nach unseren Vorstellungen gelenkt wird.
Sondern wirklich: Lasst uns uns aus Bereichen vollständig zurückziehen.
Außer zum Besuchen und achtsamen Umgang lernen. Hören. Fühlen. Waldbaden. Mit Respekt und Achtung vor sich selbst organisierendem Leben. Lasst uns unseren Anspruch zurücknehmen – unseren Anspruch auf einfach alles. Darauf, jede Fläche nutzen zu können/müssen. Darauf, alles kontrollieren zu können. Darauf, überall bestimmen zu können, was wachsen darf, was bleiben darf und was verschwinden muss. Bitte fangen wir an, Räume freizulassen. Sie freizustellen. Damit die Natur sich erholen kann. Damit sie sich selbst regenerieren, reorganisieren kann.
Damit sich wieder Beziehungen entwickeln können, die wir vielleicht längst zerstört oder überhaupt nie verstanden haben. Vielleicht müssen wir Menschen nicht immer mehr Raum für uns beanspruchen. Vielleicht müssen wir endlich wieder lernen, Raum abzugeben. Raum, der nicht uns gehört. Raum, in dem wir nicht bestimmen. Raum, in dem Natur wieder sich selbst gehören darf.
Vielleicht wissen wir einfach nicht genug. Das ist für mich keine Schwäche. Es ist Demut. Vielleicht wissen wir schon viel.
Aber wir wissen längst nicht alles.
Vielleicht wissen wir viel zu wenig über das Leben eines Baumes, um uns ständig einzumischen. Vielleicht wissen wir viel zu wenig über die Beziehungen zwischen Pflanzen, Tieren, Pilzen, Boden, Wasser und Klima, um immer wieder zu glauben, wir könnten einzelne Bestandteile herausnehmen und anschließend alles wieder „in Ordnung bringen“.
Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, alles machen zu müssen. Alles kontrollieren. Alles optimieren. Alles verwerten. Ich glaube, genau hier muss unser Denken beginnen, sich zu verändern.
Nicht mehr: Was können wir aus der Natur herausholen?
Sondern: Was braucht die Natur, damit auch wir in ihr bestehen können? Das ist für mich der eigentliche Perspektivwechsel.
Denn ich glaube nicht, dass unsere Zukunft darin liegt, immer mehr zu produzieren, immer mehr zu verbrauchen und immer mehr wirtschaftlich zu verwerten.
Irgendwann müssen wir uns fragen: Wann ist genug? Und was bleibt übrig, wenn wir immer mehr wollen? Vielleicht müssen wir nicht alles machen, nur weil wir es können. Vielleicht müssen wir nicht jede Fläche nutzen, nur weil sie uns wirtschaftlich etwas bringen könnte. Vielleicht müssen wir nicht jeden Wald bewirtschaften. Vielleicht müssen wir nicht jeden Baum schneiden. Vielleicht müssen wir nicht überall eingreifen. Vielleicht ist das, was wir heute am dringendsten brauchen, etwas ganz Einfaches:
Rückzug.
Raum.
Ruhe.
Zeit.
Und die Tiere? Auch unser Umgang mit Wildtieren gehört für mich dazu.
Ich sehe auf überall Hochsitze. Ich sehe Spuren der Jagd. Und ich frage mich: Was muten wir anderen Lebewesen eigentlich zu? Treibjagden sind für mich mit einem zeitgemäßen Verständnis von geschützten und möglichst störungsarmen Lebensräumen nicht vereinbar. Sie verursachen Stress und Leid und greifen massiv in Lebensräume ein.
Ich wünsche mir deshalb ein klares politisches Eintreten für störungsarme Schutzräume und ein Verbot von Treibjagden. Nicht aus romantischer Verklärung. Sondern aus der Überzeugung, dass wir unseren Umgang mit anderen Lebewesen neu betrachten müssen. Eine andere Sichtweise ist möglich.
Bei meinen Recherchen bin ich auf ein bemerkenswertes Beispiel aus Kanada gestoßen. Die Gemeinde Terrasse-Vaudreuil in Québec verabschiedete im Juni 2026 eine Resolution, in der Bäumen die Rechte auf Leben, natürliches Wachstum, Integrität und Regeneration zugesprochen wurden.
Später distanzierte sich die Gemeinde institutionell von der zugrunde liegenden Erklärung.
Trotzdem lässt mich dieser Gedanke nicht los. Was würde sich verändern, wenn wir einen Baum nicht zuerst als Holz betrachten? Wenn wir ihn nicht zuerst danach bewerten, was wir mit ihm machen können? Wenn wir ihn als Lebewesen sehen?
Leben.
Wachstum.
Integrität.
Regeneration.
Sondern weil wir Menschen endlich unseren Platz zu verstehen. Nicht über allem. Sondern mittendrin.
Ich möchte keine weiteren schönen Sätze über Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Lebensqualität hören, wenn sie dort enden, wo es unbequem wird. Ich möchte wissen, was tatsächlich getan werden soll.
Wie werden alte und große Bäume geschützt? Wie wird ihr Schutz auch außerhalb öffentlicher Flächen gestärkt? Wo werden Flächen wirklich aus der wirtschaftlichen Nutzung genommen? Wo darf Natur sich selbst überlassen bleiben? Wo sind wir bereit, nicht einzugreifen? Und sind die Menschen, die jetzt um unsere Stimmen bitten, bereit, unser Verhältnis zur Natur grundsätzlich neu zu denken? Ich wünsche mir Politikerinnen und Politiker, die nicht nur verwalten, was vorhanden ist.
Ich wünsche mir Menschen mit dem Mut, Dinge neu zu denken. Menschen, die verstehen, dass Klimaschutz nicht nur technische Lösungen bedeutet. Dass Nachhaltigkeit nicht darin bestehen kann, unser bisheriges System ein bisschen grüner zu lackieren.
Und dass Natur kein hübsches Extra ist, das wir uns leisten können, wenn gerade Geld und Zeit dafür übrig sind. Natur ist unsere Lebensgrundlage. Wir sind nicht die Eigentümer dieser Welt. Wir sind eine Generation in einer langen Kette von Generationen. Und vielleicht werden Menschen nach uns irgendwann auf unsere Zeit zurückblicken und sich fragen:
Warum habt ihr nicht aufgehört?
Vielleicht werden wir danach beurteilen, was wir bewahrt haben.
Ich möchte meine Stimme abgeben.
Für alte Bäume.
Für Wälder.
Für Tiere.
Für Wasser.
Für Boden.
Für Lebensräume.
Und für eine Zukunft, in der wir nicht mehr zuerst fragen: Was können wir nehmen? Sondern: Was können wir bewahren?
Wir können keinen hundertjährigen Baum pflanzen. Wir können ihn nur stehen lassen.
Das ist unser Erbe an zukünftige Generationen

